Institut für Deutsche Philologie
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Das Institut trauert um seinen Kollegen Prof. Dr. Wolfgang Frühwald

30.01.2019

* 2. August 1935 † 18. Januar 2019

Prof. Frühwald hat unser Institut über Jahrzehnte hinweg vielfältig & reichhaltig geprägt; er war von 1974 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2003 hier bei uns Professor für Neuere Deutsche Literatur.

Unser Mitgefühl gilt allen Angehörigen.

 

frühwald 

 

»Omnis sapiens omnibus prodesse conatur. Omnis sapiens multis prodest.« An diesen Satz des Philosophen Leibniz aus dem Jahre 1678 erinnerte der Münchner Ordinarius für Neuere Deutsche Literaturgeschichte Wolfgang Frühwald, als er der deutschen Öffentlichkeit und Fachwelt 1992 das Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft vorstellte, deren Präsident er damals war. »Wer Weisheit hat, suchet aller Nutzen, wer Weisheit hat nutzet vielen.« Mit dieser Maxime, hier in Leibniz’ eigener Übersetzung, ist ein Stück jener generellen Verbindlichkeit umschrieben, unter deren Vorzeichen Wolfgang Frühwald sowohl als Wissenschaftspolitiker in Deutschland und Europa, aber auch weltweit als Hochschullehrer und Literaturwissenschaftler seinen Beruf ausgeübt hat. Jetzt ist, im Alter von 83 Jahren, Wolfgang Frühwald am 18. Januar 2019 in seiner Heimat- und Geburtsstadt Augsburg verstorben und hinterlässt nicht nur eine große Familie, in der seine Frau Viktoria schon seit ihrem Kennenlernen während der gemeinsamen Augsburger Gymnasialschulzeit eine unentbehrliche und unerschütterliche Ratgeberin und Stütze bei allen seinen Entscheidungen war; seine Hinterlassenschaft besteht auch aus einem umfangreichen Oeuvre fachwissenschaftlicher und wissenschaftspolitischer Veröffentlichungen, in denen das programmatische Vermächtnis seines Wirkens für die Nachwelt auf eindrucksvolle Weise erhalten bleiben wird.

Dabei sind die Anfänge seines Werdegangs nicht durch hohe Erwartungen oder durch besonders günstige Lebensumstände geprägt. Wolfgang Frühwald wurde am 2. August 1935 in Augsburg geboren. Seine Kindheit und frühe Jugend standen im Zeichen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs, den er als Jugendlicher miterlebte und einmal nur mit knapper Not überlebte. Als Spross einer seit mehreren Generationen im bayerischen Schwaben beheimateten Eisenbahnerfamilie scherte Wolfgang Frühwald anders als sein älterer Bruder aus dieser Tradition aus und wollte nach dem Besuch des humanistischen Gymnasiums St. Anna in Augsburg zunächst Gymnasiallehrer werden. Nach dem Abitur 1954 studierte er deswegen in München – Augsburg hatte damals noch keine Universität – Germanistik, Geschichte, Geographie und Philosophie. Als er jedoch 1958 sein Studium mit dem Ersten Staatsexamen abgeschlossen hatte, änderten sich seine Karriereerwartungen. Mit dem Angebot, bei Hermann Kunisch promovieren zu können, bekam er gleichzeitig in München eine Assistentenstelle, und damit begann seine akademische Laufbahn. Was ihn mit Kunisch persönlich verband, dürfte letztlich ausschlaggebend das gemeinsame Bekenntnis zur katholischen Konfession, die Verbindung zum Bund Neudeutschland gewesen sein, aus dem sich nach dem Untergang des Dritten Reichs die Katholische Studierende Jugend als Nachfolgeorganisation konstituiert hatte. Jedenfalls gewann Wolfgang Frühwald aus diesem Umfeld die Überzeugung, etwas für den Wiederaufbau des wissenschaftlichen Lebens im Nachkriegsdeutschland beitragen zu können, und bezog daraus auch selbst als angehender junger Wissenschaftler seine Motivation, die akademische Laufbahn einzuschlagen. Dabei erhielt er, nachdem er ihn ausdrücklich von seiner Entschlossenheit überzeugt hatte, die erforderliche Unterstützung von Hermann Kunisch, dessen Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturgeschichte er 1974 in München werden sollte. Fachlich bedeutete dies allerdings, wenn auch mit Kunischs Unterstützung, ein durchaus anspruchsvolles Programm, das nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch wenige Kandidaten zu erfüllen bereit waren. Es verlangte vom angehenden Hochschullehrer, dass er sowohl in der älteren als auch in der neueren Abteilung der Germanistik einen akademischen Grad zu erwerben hatte. Kunisch war als Befürworter dieses Programms ein Vertreter der sogenannten Berliner Schule, deren akademische Vorstellung von einer germanistischen Facheinheit, bestehend aus älterer und neuerer Abteilung, in München bis heute nie ganz erloschen ist. Wolfgang Frühwald wurde von Kunisch 1961 mit einer Arbeit über den »St. Georgener Prediger«, eine Predigtsammlung aus dem 13./14. Jahrhundert, in mediävistischer Literaturwissenschaft promoviert und habilitierte sich 1969 in Neuerer Deutscher Literaturgeschichte mit einer Arbeit über Clemens Brentano. Die Tatsache, dass er sich in beiden Fachteilen seines Faches einer akademischen Prüfung stellte, veranschaulicht die grundsätzliche Offenheit seines germanistischen Selbstverständnisses, eine Offenheit, die sich in einer möglichst umfassenden Erschließung seines Arbeitsgebiets ebenso wie in der verbindlichen Vermittlung seiner Arbeitsergebnisse nach möglichst vielen Seiten artikulierte. Die Grenzen seines Vorsatzes, sich in dieser Weise zu engagieren, zeigt allerdings auch, dass er nach Abschluss seiner Dissertation nur noch sporadisch weitere Arbeiten zur deutschsprachigen Mediävistik, zum Beispiel zu Meister Eckhart, veröffentlichte und sich fortan schwerpunktmäßig auf die Neuere Deutsche Literaturgeschichte und die Beschäftigung mit ihr konzentrierte.

Mit der für die Habilitationsschrift in Aussicht genommenen Fokussierung auf den deutschen Romantiker Clemens Brentano stand allerdings ein Autor zur Debatte, dessen Werk in seiner Beeinflussung durch die Lektüre älterer – nicht nur deutscher, sondern im weitesten Sinne europäischer – Literatur eine Auseinandersetzung erforderte, für die nicht nur ganz allgemein komparatistische Kenntnisse abrufbar sein mussten, sondern darüber hinaus auch wieder mediävistische. Auch für Wolfgang Frühwald war Clemens Brentano deswegen immer wieder der Autor, an dessen Belesenheit er sich selbst als überragender Literaturkenner zu erweisen hatte; dies nicht zuletzt mit Blick auf mittelhochdeutsche Texte, die Brentano insbesondere in seiner Lyrik aus dem Kopf zitierte und in seine eigenen Texte einarbeitete. Nicht weniger wirksam wurde in der Beschäftigung mit dem Werk Brentanos aber gleichzeitig, was man als die Gretchenfrage bezeichnen könnte: die Einschätzung seiner forschungsgeschichtlichen Würdigung als eines katholischen Volksschriftstellers beziehungsweise seines Selbstverständnisses als eines religiösen Dichters. In der vergleichenden Betrachtung seiner sogenannten »Religiösen Schriften« und seines im Gegensatz dazu unbezeichneten, übrigen – sagen wir – säkularen Oeuvres traf Wolfgang Frühwald bei Brentano auf ein Stück kulturwissenschaftlich relevanter Literaturgeschichte im weitesten Sinne und hatte dessen Komplexität möglicherweise selber noch gar nicht nachhaltig genug erfasst, als er 1962 in seinem bahnbrechenden Aufsatz »Das verlorene Paradies. Zur Deutung von Clemens Brentanos ›Herzlicher Zueignung‹ des Märchens ›Gockel, Hinkel, Gackeleia‹ (1838)« davon ausging, kein religiöses, sondern ein säkulares Werk vor sich zu haben. Es zeigte sich deswegen, dass für eine Erörterung der Frage, inwieweit bei Brentano von »Religiösen Schriften« auch dann gesprochen werden könnte, wenn es sich um Werke handelt, die sich inhaltlich nicht an den Stoff der Bibel oder an die kirchliche Tradition anlehnen, die Zeit noch nicht gekommen war. Angesichts der Tatsache, dass es damals eine säkulare Literaturwissenschaft und eine religiöse Interpretationsgeschichte gab, die ihre Zuständigkeit für die Deutung des Dichters Brentano und seines Werks noch gegenseitig in Zweifel zogen, war es das Verdienst von Wolfgang Frühwald, erst einmal die Parteien und dann die Argumente auseinanderzuhalten und schließlich vor allem eine Sichtung der Textüberlieferung, der erhaltenen Handschriften und Drucke, anzustoßen. Zusammen mit Bernhard Gajek, der als Leiter der Handschriftenabteilung des Freien Deutschen Hochstifts in Frankfurt am Main den dort liegenden Bestand des Brentano-Nachlasses inventarisiert hatte, wurde Wolfgang Frühwald deswegen zum Herausgeber der von Friedhelm Kemp bereits in drei abgeschlossenen Bänden vorliegenden Brentano-Werkausgabe des Carl Hanser-Verlages bestellt und mit der Kommentierung des in der Ausgabe noch fehlenden Gedichtbandes beauftragt. Der ebenso wie der Aufsatz von 1962 bahnbrechende Gedichtband dieser Ausgabe, der erstmals überhaupt Brentanos Lyrik nach gesicherten Handschriftenvorlagen aus dem Nachlass öffentlich bekannt machte, erschien 1968, also noch ein Jahr vor Wolfgang Frühwalds Habilitation. 1969 folgte überdies noch eine weitere Brentano-Veröffentlichung, mit der er die Brentano-Kenntnis um einen bisher völlig unbekannten Briefbestand erweiterte und bereicherte. Dem Finderglück verdankte Wolfgang Frühwald im bayerischen Redemptoristenkloster Gars bei Wasserburg am Inn die Entdeckung eines Großteils der von Brentano am Bett der Augustinernonne Anna Katharina Emmerick niedergeschriebenen Aufzeichnungen ihrer angeblichen Visionen und, in diesem Material enthalten, eines Bestands damals noch unveröffentlichter Briefe Brentanos an seine Münchner Altersfreundin, die Basler Malerin Emilie Linder. Gleichzeitig wurde im Zusammenhang mit dem Fund in Gars ein weiterer Teil der sogenannten Emmerick-Papiere im Filialkloster Sant’Alfonso in Rom aufgespürt und das Material dieser beiden Funde als Leihgabe ins Freie Deutsche Hochstift transferiert. Wolfgang Frühwald hat mit diesen Entdeckungen und allen weiteren Ergebnissen seiner Recherchen die Grundlage aller nachfolgenden Brentano-Forschung geschaffen und wurde im Anschluss verständlicherweise ins Herausgeberteam der vom Freien Deutschen Hochstift veranstalteten historisch-kritischen Frankfurter Brentano-Ausgabe geholt, deren Bände seit 1975 zu erscheinen begannen.

Mit seiner Erstberufung auf ein Ordinariat für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an die Universität Trier-Kaiserslautern in Trier 1970, nur ein Jahr nach seiner Habilitation, kam es in Wolfgang Frühwalds Werdegang zu einem Neuanfang und Beginn einer Entwicklung, die ihn aus dem Umfeld einer im Fall Brentanos bis in archivalische Details hineinreichenden Forschungsarbeit wegführte und ihm eine Karriere eröffnete, die ihm angefangen bei der universitären Selbstverwaltung an seinen Heimatuniversitäten bereits 1972 bis 1985 die Mitgliedschaft in der Senatskommission für germanistische Forschung bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft einbrachte und, nach seiner Wegberufung aus Trier nach München im Jahr 1974, von 1982 bis 1987 die Mitgliedschaft im Wissenschaftsrat der Bundesrepublik Deutschland. Von 1992 bis 1997 war er Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft und von 1999 bis 2007 Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Wolfgang Frühwalds Mitgliedschaften in Berufungskommissionen, Jurys, Komitees, Ausschüssen, Stiftungen, Akademien, Arbeitskreisen und Gesellschaften, seine Tätigkeiten als Gutachter oder auch nur als ganz privater Ratgeber hatten einen Wandel in der Wahrnehmung seiner fachwissenschaftlichen Arbeit zur Folge, insofern er jetzt für Archivarbeit, aber auch für weniger entbehrungsreiche Arbeit auf dem Feld der Literaturwissenschaft kaum noch Zeit fand. Dafür versuchte er umso mehr auf dem Gebiet seiner Lehrtätigkeit durch gezielte Veröffentlichungen seine Stimme zur Geltung zu bringen, um auf diese Weise auch den Studentinnen und Studenten vor allem seiner Vorlesungen und Seminare einschlägige begleitende Fachliteratur anbieten zu können. Seine Publikationen verteilen sich dabei auf Schwerpunkte der Literaturgeschichte, mit denen er sich erstmals bereits in seiner Assistentenzeit auseinandergesetzt hatte. Sie umfassen natürlich die deutsche Romantik, wobei Brentano die zentrale Gestalt bleibt. Aber auch Eichendorff, den Grimms, August Wilhelm Schlegel oder Novalis sind Veröffentlichungen gewidmet. Sie umfassen ferner die Biedermeierzeit, im Mittelpunkt dieser Literaturepoche Adalbert Stifter, an dessen historisch-kritischer Werkausgabe Wolfgang Frühwald zusammen mit Alfred Doppler als Herausgeber mitgewirkt hat. Sie umfassen die Literatur nach dem Ersten Weltkrieg, vom Expressionismus bis einschließlich zur Epoche der Literatur des deutschsprachigen Exils nach 1933, im Mittelpunkt Ernst Toller, mit einer ersten repräsentativen, fünfbändigen Werkausgabe, die zusammen mit dem amerikanischen Germanisten John M. Spalek erarbeitet worden ist.

Neben diesen Epochenschwerpunkten aus der literaturgeschichtlichen Vergangenheit war für Wolfgang Frühwald aber auch die Gegenwartsliteratur eines seiner Interessengebiete, nicht zuletzt ebenfalls mit Blick auf seine Lehrtätigkeit, die zeitweilig mit der Besetzung eines Poetiklektorats an der Ludwig-Maximilians-Universität eine erhebliche Bereicherung erlebt hat. Den Bezug zur Gegenwart dokumentiert auch ein weiterer letzter Schwerpunkt, der in seinen Publikationen einen thematischen Bereich seiner wissenschaftspolitischen Überlegungen ausweist. Wolfgang Frühwald hat für sein wissenschaftliches Selbstverständnis keinen modischen Rückgriff auf den zeitgemäßen Theoriediskurs seiner eigenen Gegenwart gesucht, sondern sich vielmehr pragmatisch an der Machbarkeit struktureller Veränderungen im Bildungswesen unserer Gesellschaft und ihrer politischen Entscheidungsmöglichkeiten orientiert. Zusammen mit Hans Robert Jauß, Jürgen Mittelstraß, Reinhart Koselleck und Burkart Steinwachs ist er in einer gemeinsamen Programmschrift »Geisteswissenschaften heute« 1991 auf die Formulierung eines interdisziplinären Wissenschaftsmodells eingegangen, das auf eine Erweiterung der Geisteswissenschaften im Sinne einer Erweiterung von deren Anwendungsbereich angelegt sein sollte, nämlich »auf Kultur als Inbegriff aller menschlichen Arbeit und Lebensformen [...] die Naturwissenschaften und sie selbst eingeschlossen«. In der Zusammenarbeit mit den Naturwissenschaften sah Wolfgang Frühwald als Geisteswissenschaftler eine Aufgabe und ein Ziel, deren Bedeutung ihm durch die Arbeit in der Deutschen Forschungsgemeinschaft und durch den bei dieser Arbeit für ihn sichtbar gewordenen Einfluss und Anteil der Naturwissenschaften – nicht nur im Finanzsektor der Projektförderung, sondern auch gesellschaftspolitisch – immer klarer geworden sein muss. Dabei war er selbst oft genug als Vertreter der Geisteswissenschaften und zugleich Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft dazu aufgerufen, sein Amt auch im Namen der Naturwissenschaften wahrzunehmen, sei es in Schriftform, sei es vor allem auch in Vorträgen im In- und Ausland. Dabei kam ihm kraft seiner Berufserfahrung als Literaturwissenschaftler seine Belesenheit in der deutschen Literatur immer wieder zu Gute, indem er aus dem Fundus seiner breiten Literaturkenntnis jederzeit auf Werke der Literatur verweisen konnte, in denen Fragen der Naturwissenschaft im Zentrum stehen. Ein Beispiel dafür liefert auch sein vom Sommersemester 1999 datierendes Engagement als Degussa-Gastprofessor an der Fakultät für Chemie der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main, als er, wie er selbst in einem Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk berichtete, im Rückgriff auf Goethe und dessen naturwissenschaftliche Schriften einem Publikum von Naturwissenschaftlern und wissenschaftlerinnen ein unerwartetes Interesse für seine Vorlesung habe abgewinnen können, und sich der Hörsaal von Termin zu Termin immer mehr gefüllt habe. Wolfgang Frühwald hat insbesondere als Vortragender, aber auch in seinen Veröffentlichungen eine Akzeptanz und Verständlichkeit erreicht, die in Verbindung mit seiner Belesenheit, auch im Bereich der Fachliteratur, und unter Einbeziehung kulturgeschichtlicher Vorkenntnisse die Grundlage seines Erfolgs als Hochschullehrer nicht nur bei den Studenten, sondern auch bei den Seniorenhörern und überhaupt in der Erwachsenenbildung im weitesten Sinne gewesen ist.

Schon an seinen Brentano-Studien ist in Wolfgang Frühwalds Wissenschaftsverständnis eine interdisziplinäre Interessenlage zu beobachten, die ihre Motivation vor allem aus der Kirchengeschichte, aber auch aus der Theologie bezieht, mit zunehmender Etablierung seiner Lehrtätigkeit als Ordinarius jedoch auch von der Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit Kollegen anderer Fächer in den Lehrveranstaltungen beeinflusst war. In seiner Trierer Zeit veranstaltete er zusammen mit den Historikern Wolfgang Schieder und Reinhard Bollmus mehrfach Seminare zur deutschen Literatur im Nationalsozialismus. Aber auch im Umfeld seiner Münchner Kollegen und Mitarbeiter, mit denen er seit seiner Berufung an die Ludwig-Maximilians-Universität 1974 zusammenarbeitete, fällt auf, in wie starkem Maß sie in ihren fachlichen Interessen nicht nur durch ihre Zugehörigkeit zum Personal der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft geprägt waren, sondern gerade als Literaturwissenschaftler von Nachbardisziplinen anderer Fakultäten. Es sei dazu nur an seine fachliche und persönliche Freundschaft mit Karl Eibl erinnert und dessen aus der Biologie abgeleitete Kriterien einer theoretischen Grundlegung der Literatur mit Bezug zu den Naturwissenschaften. Dabei hat Wolfgang Frühwald keine Schule gestiftet und auch keinen Kollegen für seine Nachfolge vorbestimmt oder ausersehen. Seine Mitarbeiter sind ihm für seine Unterstützung und den Erfolg ihrer Karrierewünsche grundsätzlich alle zu Dank verpflichtet, sie mussten sich ihren akademischen Aufstieg aber immer wieder selbst erarbeiten, und es verdient erwähnt zu werden, dass er auch Nachwuchswissenschaftler anderer Fächer immer wieder unterstützte, wenn sie ihn von ihren Vorhaben überzeugen konnten. Wolfgang Frühwald hatte eine offenkundige und gelegentlich untergründige Vorliebe für die Anderen, für das Fremde, sowohl wenn er sich für den wissenschaftlichen Nachwuchs außerhalb der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft einsetzte, als auch im Umgang mit ausländischen Kollegen ebenso wie mit Studenten aus dem Ausland, und deswegen war in Anbetracht der damit verbundenen Kontakte mit dem Ausland seine Position von 1999 bis 2007 als Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung sicherlich die Krönung seines akademischen Wirkens. Gleichzeitig aber war und blieb er auch immer ein Bürger seiner Geburtsstadt Augsburg und seiner schwäbischen Heimat. Seine Verbundenheit mit dem Werk des gebürtigen Augsburgers Bertolt Brecht ist deswegen ein Stück dieser Heimatliebe, die zusammen mit seiner Ausländerfreundlichkeit vor allem im persönlichen Umgang ein einzigartiges Gemisch von geselligem Miteinander hervorgebracht hat. Wer es so mit ihm zusammen erlebt hat, wird es künftig vermissen, aber nicht vergessen.

Konrad Feilchenfeldt