Institut für Deutsche Philologie
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Wir trauern um unseren akademischen Lehrer, Kollegen und Freund

28.12.2017

Prof. Dr. Gerhard Neumann

* 22. 6. 1934 † 27. 12. 2017

Seine herausragenden Beiträge zur Literaturwissenschaft, seine inspirierenden Textlektüren, seine allumfassende Bildung und seine brillanten Kulturdiagnosen haben uns unermesslich bereichert. Seine persönliche Zugewandtheit, das Gespräch und die Begegnung mit ihm werden uns fehlen.

Unser Mitgefühl gilt Gabriele Brandstetter sowie seinen Söhnen und allen Angehörigen.

 

Gerd Neumann4

(Photo: © Ursula Renner) 

Nachruf 

von Clemens Pornschlegel

Am 27. Dezember 2017 ist im Alter von dreiundachtzig Jahren der langjährige Ordinarius des Instituts für Deutsche Philologie der LMU München, Professor Gerhard Neumann, in Berlin verstorben. Gerhard Neumann war Vorsitzender der germanistischen Kommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Mitbegründer des Graduiertenkollegs „Geschlechterdifferenz und Literatur“ an der LMU sowie Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Er hat Generationen von Studierenden – in Bonn, Erlangen, Freiburg, München, zuletzt in Berlin, wo er eine Honorarprofessur innehatte – geprägt und ihnen lebendig vermittelt, was Philologie dem Wortsinn nach heißt: liebevolle, analytisch genaue, begrifflich durchdachte Zuneigung zur Sprache und zur Literatur.

Seine präzisen, an großen Lesern wie Kafka und Goethe, Erich Auerbach und Roland Barthes geschulten Textbeobachtungen, seine exemplarischen Interpretationen, unter anderem zu Lichtenberg, Kleist, Novalis, Brentano, Fontane, Canetti, seine konzeptuelle Neugier und intellektuelle Offenheit, die ihn neue Theorien und Begriffe nie als Bedrohung, sondern stets als Chance begreifen ließen, vor allem aber seine umfassende und profunde Kenntnis der Literaturgeschichte, welche die Texte der Antike und des europäischen Mittelalters, Indiens und Japans, Lateinamerikas und Afrikas völlig selbstverständlich mit einschloss, haben bei den Hörern seiner Vorlesungen und Vorträge, bei den Besuchern seiner Seminare und den Lesern seiner Schriften immer wieder staunende Bewunderung hervorgerufen.

Vermutlich hat Roland Barthes’ Wendung von der „Lust am Text“ keine literaturwissenschaftliche Praxis je besser getroffen als diejenige Gerhard Neumanns. Ideen als sinnliche Gebilde, sinnliche Wahrnehmung umgekehrt als Möglichkeit theoretischer Erkenntnis zu verstehen, war eine der großen Lehren, die Neumann in bester aufklärerischer Tradition zu vermitteln wusste. Diese Verbindung von Sinnlichkeit und Verstand war es auch, die für Neumann die Texte der Literatur ausmachte: ob es sich um die Idee der Heilsgeschichte in den Abenteuern Old Shatterhands oder den Geschmack politischer Freiheit in einer Tasse dampfender Schokolade handelte wie in Mozarts „Don Giovanni“, um die Idee der absoluten Musik in E.T.A. Hoffmanns „Ritter Gluck“ oder Darwins Konzept der Evolution im Schnapsgenuss des Affen Rotpeter. Letzterer zählte neben Goethes Wilhelm Meister, Mörikes Mozart, aber auch Cervantes’ Hund Berganza (die Liste ist nicht vollständig) zu seinen literarischen Lieblingsfiguren, denen er sich wiederholt zuwandte.

Es ist kein Zufall, dass Gerhard Neumann seit Mitte der 1990er Jahre eine der führenden Figuren bei der Etablierung der Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft war. Er verstand darunter die texthermeneutisch und semiotisch fundierte Aufmerksamkeit auf die welterschließende Funktion literarischer Texte , die das Verständnis kultureller Zusammenhänge ermöglichen: von Riten und Zeremonien, von Modellen des Geschmacks, insbesondere auch des kulinarischen, von sozialen Rollenspielen und deren Codes, von den historischen Formen der Geschlechterdifferenz, von Erziehungspraktiken und ihren oft fatalen Resultaten. Dabei ging es ihm stets darum, kulturelle Ordnungsmuster ausgehend von den literarischen Texten und ihren scharfsinnigen Diagnosen im Hinblick auf die dialektische Verschränkung von Freiheit und Zwang, von Glückserfahrung und disziplinierender Unterdrückung zu befragen. Literatur war für ihn jene aufgeklärte kulturelle Praxis, in der sich die Singularität eines Lebens gegen jede Art von Bevormundung – ob durch Institutionen oder Diskurse, Kulturmuster oder bürokratische Regelungen – zu behaupten wusste.

Das Institut für Deutsche Philologie, an dem Gerhard Neumann von 1986 bis 2002 lehrte, hat mit ihm einen international renommierten, weit über die Fachgrenzen hinaus bekannten Literaturwissenschaftler, einen allseits geschätzten Kollegen und – vor allem – einen herausragenden akademischen Lehrer verloren. Sein wissenschaftliches Lebenswerk ist ebenso einzigartig wie vorbildlich.