Institut für Deutsche Philologie
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Germanistische Linguistik

Lautsymbolik

Leitung: Prof. Dr. Hilke Elsen

In verschiedenen Arbeiten wurde diskutiert, dass die Lautebene zum Träger von Information werden kann. Das bezog sich meist auf die Bedeutung einzelner Laute. Insgesamt können aber phonetische Merkmale, Töne, Sprachlaute, Lautkombinationen oder komplexere Lautstrukturen wiederholt bestimmte Assoziationskomplexe auslösen und dann mit Bedeutung(facett)en in Beziehung stehen.

lautsymbolik_80Lautsymbolik umfasst Aspekte wie Schallnachahmung/Onomatopoesie (ping-pong, klapp!), den Ausdruck von Gefühlen (au!, ih!) oder Synästhesie, wenn Reize verschiedener Sinnesorgane verknüpft werden (schnapp!). Hinton/Nichols/Ohala (1994) unterscheiden vier Typen nach dem Grad der Verbindung zwischen Laut und Bedeutung: Die physische Lautsymbolik beruht auf einem direkten emotionalen oder physischen Zustand und ist weitgehend nichtsprachlich (Niesen, aua!). Die imitative Lautsymbolik bezieht sich auf Lautnachahmungen, die zum Teil konventionalisiert sind (sss für das Zischen einer Schlange, peng!). Synästhetische Lautsymbolik ist die akustisch-sprachliche Darstellung nichtakustischer Erscheinungen (i – ‘kleiner’, a – ‘größer’). Die konventionelle Lautsymbolik entsteht bei einem wiederholten Miteinander von Form und Bedeutung. Sie ist sprachspezifisch, wird erlernt, weist aber laut Hinton et al. (1994) dennoch universelle Eigenheiten auf (gl – glitzern, glimmen, Glanz).
Neben Lautsymbolik finden wir auch Begriffe wie Phonosemantik oder Phonästhesie bzw. sound symbolism, phonetic symbolism, phonosemantics, phonesthesia.

Die Beschäftigung mit einem „natürlichen“ bedeutungstragenden Aspekt der Wortform reicht bis zu Platon zurück. Später machten sich Jacob Grimm, Wilhelm von Humboldt, Herman Paul, Wilhelm Wundt oder Otto Jespersen dazu Gedanken. Nachdem es Anfang des letzten Jahrhunderts in den U.S.A. zahlreiche psycholinguistische Experimente dazu gab und auch in Europa einige Untersuchungen für das Französische und Deutsche veröffentlicht wurden, hat erst in letzter Zeit wieder die Werbepsychologie dieses Thema entdeckt. Dass Probanden tendenziell ähnliche Assoziationen mit Lautkörpern verbinden, wurde zwischenzeitlich wiederholt gezeigt. Der bewusste Einsatz bestimmter Laute im Namen kann Einfluss auf die Vorstellung von Form, Größe oder Helligkeit eines Gegenstandes nehmen oder er lässt Rückschlüsse auf Eigenschaften zu, wie etwa Hoover für den Staubsauger, der sanft brummt und nicht klappert. Heute geht es daher mehr darum, herauszufinden, wie Lautkomplexe geschaffen sein müssen, um bestimmte Assoziationskomplexe auszulösen und warum.

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maluma                   takete

Beispiel für Synästhesie: Wolfgang Köhlers Maluma-Takete-Experiment, bei dem die Versuchspersonen Zeichnungen und Kunstwörter zuordnen sollten und offenbar aufgrund von ähnlichen Eigenschaften von Klangeindruck und Bild urteilten.

Nicht bei jedem sprachlichen Zeichen ist die Beziehung zwischen Form und Inhalt arbiträr. Wiederholt zeigt sich ein Zusammenhang zwischen Klangkörper und Assoziationen bei den Sprachbenutzer/innen. Das Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, die lautsymbolische Wirkung von Wörtern näher zu untersuchen.

Lautsymbolik heißt, dass lautliche Einheiten zum Träger von Bedeutungsmerkmalen werden können. Deswegen beeinflussen sie Enstehung, Wandel, Erwerb, Verwendung und Interpretation von Lexemen.
http://www.esv.info/aktuell/elsen-lautsymbolik-heisst-dass-die-lautebene-zum-traeger-von-informationen-wird/id/83131/meldung.html

Nachdem die Einführung in die Lautsymbolik nun erschienen ist, sind noch einige Fragen offengeblieben, die als nächstes bearbeitet werden:
Wie können wir uns unsere Kenntnisse zu Lautsymbolik für den Sprachunterricht zunutze machen?
Warum unterscheiden sich die Sprachen so stark, was ihren Anteil an lautsymbolischen Lexemen betrifft?
In wieweit sind künstliche Sprachen (conlangs) lautsymbolisch?

Literatur

Dingemanse, Mark, Blasi, Damián E., Lupyan, Gary, Christiansen, Morten H., Monaghan, Padraic 2015. Arbitrariness, iconicity, and systematicity in language. Trends in Cognitive Sciences 19.10. 603-615.
Elsen, Hilke 2008. Phantastische Namen. Die Namen in Science Fiction und Fantasy zwischen Arbitrarität und Wortbildung. Tübingen.
Elsen, Hilke 2014. Lautsymbolik - ein vernachlässigter Forschungs-gegenstand der Sprachwissenschaft. Glottotheory 5.2. 185-218.
Elsen, Hilke 2015. Der Faktor Lautsymbolik. JournaLIPP 4. 27-42. https://lipp.ub.lmu.de/index.php/lipp/issue/view/287/showToc
Elsen, Hilke 2016. Einführung in die Lautsymbolik. Berlin
Elsen, Hilke 2016. Wirkendes Wort - wirkender Laut: Lautsymbolik in den Sprachen der Welt. Wirkendes Wort 3/2016. 479-489.
Elsen, Hilke 2017. Die beiden Gesichter der Lautsymbolik. Muttersprache 3/2017. 153-162.
Elsen, Hilke 2017. Lautsymbolik in lyrischen Texten - Grenzen und Möglichkeiten. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 4/2017. doi.org/10.1007/s41244-017-0077-z. http://rdcu.be/wRKT
Elsen, Hilke im Druck. Lautsymbolik als Verarbeitungshilfe. Deutsch als Fremdsprache 4/2017. 231-239.
Elsen, Hilke im Druck. Ist das Phonästhem eine morphologische oder eine lautsymbolische Erscheinung? Zeitschrift für Wortbildung / Journal of Word Formation 2/2017. 9-29.
Elsen, Hilke im Druck. The two meanings of sound symbolism. Open Linguistics 2017;3. 489-497. doi.org/10.1515/opli-2017-0024.
French, Patrice L. 1976. Toward an explanation of phonetic symbolism. Word 28.3. 305-322.
Hinton, Leanne, Nichols, Johanna, Ohala, John 1994a. Sound Symbolism. Cambridge.
Imai, Mutsumi, Kita, Sotaro 2014. The sound symbolism bootstrapping hypothesis for language acquisition and language evolution. Philosophical Transactions of the Royal Society B: Biological Sciences 369.1651.
Jespersen, Otto 1933. Symbolic value of the vowel i. Jespersen, Otto. Linguistica. Selected Papers in English, French and German by Otto Jespersen. 283-303. (Original 1922. Philologica 1.)
Nuckolls, Janis B. 1999. The case for sound symbolism. Annual Review of Anthropology 28. 225-252.
Peterfalvi, Jean-Michel. 1970. Recherches expérimentales sur le symbolisme phonétique. Paris.
Whissell, Cynthia 2000. Phonoemotional profiling: A description of the emotional flavour of English texts on the basis of the phonemes employed in them. Perceptual and Motor Skills 91. 617-648.